EKD Editorial

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Predigt von Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler zum Jubiläumsgottesdienst am Ostermontag, den 1. April 2013

Liebe festliche Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

„Für die St. Stephangemeinde in München-Nymphenburg ist noch kein eigener Kirchenvorstand gebildet. Die Besprechung für die Besetzung der neuen Pfarrstelle mußte daher mit dem Kirchenvorstand der Christuskirche vorgenommen werden. Leider war das einzige Mitglied aus dem neuen Nymphenburger Gemeindebezirk … verhindert… Anwesend waren Herren.“ So lautete der Beginn des Berichts vom 9. August 1937, den einer meiner Amtsvorgänger über die Stellenbesetzungsbesprechung der noch nicht vollständig erbauten Stephanuskirche verfasste. Einerseits wäre so etwas bei dem rührigen Kirchenvorstand Ihrer Gemeinde heute undenkbar.

Andererseits ist schon früh etwas von dem Kooperationsgedanken eingeflossen, der Sie seit Langem bewegt. Der Pfarrer, der gesucht wurde, sollte, so der Bericht, die „Gabe der Organisation haben, selbstverständlich ein anregender Prediger und vor allem ein treuer Seelsorger sein.“ Das, was damals gefordert wurde, liebe Brüder und Schwestern, haben Sie mit Ihrem Pfarrersteam – erfreulicherweise und gewinnend ergänzt durch zwei Damen! Die Herren meinten damals, dass der „Landeskirchenrat, der genaue Kenntnis habe von den einzelnen Geistlichen, wohl am besten zu entscheiden in der Lage sei“. Bei Gelegenheit komme ich auch darauf zurück…

Am 18. April 1938, am Ostermontag war es dann soweit. Die Stephanuskirche wurde eingeweiht – in böser Zeit. Fünf Jahre nach dem 1. April 1933, an dem Nazis den Boykott jüdischer Händler und Firmen verlangten, fünf Jahre nach der Einführung des so genannten Arierparagraphen am 7. April 1933, der jüdische Bürger aus allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen verdrängte. Fünf Jahre nach der Bücherverbrennung im Mai 1933. Die Stephanuskirche wird in dem Jahr eingeweiht, in dem zwei Monate später die Synagoge und die alte Matthäuskirche auf Geheiß Hitlers abgerissen werden.

Das Evangelische Gemeindeblatt berichtete, die Stephanuskirche sei ein „mächtiger Bau geworden“ – „ganz teutsch“ und auch wieder wie ein „Zisterzienserklsoter“. Merkwürdige Charakterisierung einer evangelischen Kirche… Heute sind Sie eine höchst lebendige Gemeinde, bodenständig und interessiert am Weltgeschehen, gewappnet für aktuelle politische und spirituelle Herausforderungen, offen für Nöte und Freuden der Menschen, ökumenisch gesinnt mit lutherischem Profil. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren haben hier eine echte aktive und kontemplative Heimat. Die lesenswerte Festschrift schildert das eindrücklich und vor allem zutreffend.

Damals, bei der Einweihung, war unter den Ehrengästen neben Oberkirchenräten auch Landesbischof Meiser, der eine Altarbibel stiftete. Generalfeldmarschall von Mackensen spendierte eine Bibel für den Altar der Sakristei und schrieb schwungvoll eine biblische Widmung hinein: „Wacht, stehet und im Glauben, seid männlich und stark!“ Der ehemalige Kirchenpräsident Veit, Vorgänger von Meiser und ein wirklicher tapferer Mann, war ebenfalls anwesend. Friedrich Veit war in mehrfacher Hinsicht am Nerv der Zeit: Er ist Architekt unserer Landeskirche, er symbolisiert mit seiner Person wie kein anderer den Weg der Landeskirche in die Selbständigkeit.

Ihm lag an einer vitalen Gemeindekirche, in der Einzelgemeinden wie Stephanus und die Gesamtkirche wie Brennpunkte einer Ellipse zueinander stehen und immer wieder neu in Beziehung zu setzen sind. Immer "on the road" hat er das Bewusstsein von der geistigen Größe der Gesamtkirche entscheidend geprägt. Veit hat das oberste geistlich-repräsentative Amt als Kirchenpräsident inhaltlich neu definiert und vorgelebt. Die Niederlegung seines Amtes war kein freiwilliger Amtsverzicht, sondern ein erzwungener Rücktritt. Eine Nötigung. Der 11. April 1933 war für Veit bis zu seinem Lebensende ein "bitterer Tag".

Das Amtsende zeigt noch einmal die antinationalsozialistische Haltung Friedrich Veit. Sie war Konsequenz seiner liberal-konservativen, humanistisch-lutherischen Überzeugung, einer persönlichen und theologischen Kraft gegenüber der unmenschlichen Ideologie des Nationalsozialismus. Als Kirchenpräsident hat er aus seinem Widerspruch gegen die völkischen Bewegung, den Fremdenhass und die Brutalität der Diktatur keinen Hehl gemacht. Die Berufung auf Humanität und Freiheit eines Christenmenschen, wie sie sich mit dem Namen von Friedrich Veit verbindet, müssen wir wach halten – und die Erinnerung, dass er damals zu Ihnen gekommen ist.  

Die Einweihung Ihrer Kirche, an der Veit also teilnahm – eine Auszeichnung für beide Seiten -, sollte zwei Wochen vorher stattfinden, an Judica. Aber da waren die Kirchenbänke noch nicht fertig. Der nachfolgende Palmsonntag, so mein Amtsvorgänger in einem Schreiben wörtlich, „konnte als Tag der Reichsparteitagswahl nicht in Betracht kommen“.  Jedenfalls war „das Wetter günstig“, wie berichtet wird, und die Beteiligung der ganzen Gemeinde „ungeheuer“. Ungeheuer ist auch, dass vor dem Portal  Ihres neuen Gotteshauses nicht nur an die Baugeschichte erinnert und den Arbeitenden gedankt wurde – so, wie es guter Brauch ist.
Man „gedachte auch des Führers und der vollzogenen Einigung Deutschlands und Österreichs zu einem Großdeutschland als Kennzeichen dieser Tage“, wie mein Amtsvorgänger notierte – angetan davon, dass der Pfarrer aufzeigte, auch ein deutsches Volk, das seiner Ahnen sich bewusst wird, bedürfe des Zeugnisses des Gekreuzigten und Auferstandenen. Ihr Pfarrer allerdings hatte sich dem Verhältnis von Stephanus, einem, der trotz äußerer Anfeindungen zu seinem Glauben stand, zur Nibelungenstraße gewidmet. Wie in seinem ersten Gemeindegruß hob er hervor: Heldentum kann von so finsteren Seiten begleitet sein, dass es zum Verhängnis für alle wird.

Pfarrer Dr. Knappe war daran gelegen, den wahren Glauben zu predigen. Nicht den an „Menschengröße und Herrentum“, wie er sagt, sondern daran, dass Christus der Heiland ist. Sein Leben, Sterben und Auferstehen, so Dr. Knappe, ist „einziges Wort Gottes an uns“. An ihm allein, mahnte er, haben „wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“. Wer Ohren hatte zu hören, der könnte hören. Denn Dr. Knappe fügte im Gemeindegruß hinzu: „Die Botschaft von ihm und nichts anderes will die Kirche Christi verkündigen; die Kirche, die an der Nibelungenstraße unseres Volkes steht, und Gleichnis dafür ist die Stephanuskirche“.

Dr. Knappe kam sechs Jahre später mit seiner Frau, dem Diakonenehepaar, einem Hausmädchen und einer Schwester ums Leben, als eine Sprengbombe die Kirche traf. Wir hoffen, dass er schauen konnte, was er geglaubt und mutig gepredigt hat: Kreuz und Auferstehung. „Über die Auferstehung kann man nicht frei schwebend reden, als hätte sie mit dem Kreuz nichts zu tun“ sagte die Theologin Dorothee Sölle. „Wenn wir uns vor Augen führen, was dieser … „auferstanden von den Toten“ sagt, dann gehört die Realität „Kreuz“ dazu: Wer in der Liebe lebt, der wird mit Verachtung, Beschimpfung, Diskriminierung, ja mit dem Tod zu rechnen haben.“

Und sie fährt fort: „Die Auferstehung ist längst schon vor dem Tod sichtbar, in dieser anderen Art zu leben. Jesus glaubte vor allem an ein Leben vor dem Tod, und für alle. Die Auferstehung, dieser Funke des Lebens, war schon in ihm. Und nur deswegen, wegen dieses Gott-in-ihm, konnten sie ihn nicht umbringen. Es funktionierte einfach nicht. Und auch heute gelingt es den Mächtigen nicht. Diese Liebe zu Gerechtigkeit, dieses nachhaltige Interesse an den Letzten auszulöschen.“ (Dorothee Sölle, Mut, S. 150) Am Kreuz kommt man nicht vorbei. Das hat Ihre Gemeinde damals von der Gesellschaft unterschieden. Das unterscheidet uns heute.

Für mich ist Ihr besonderer Gast damals Vorbild. Er agierte weltoffen und fröhlich, war dabei durchaus konservativ. Der selbstkritische Veit zeigte sich mild-vorsichtig in seinen Urteilen über andere. Zugleich besaß er eine scharfe Wahrnehmungsgabe und eine Haltung, die man nicht häufig antrifft: Liebe zur Harmonie, Musikalität für die kleineren Register, Freude an leisen Tönen. Man spürt seine Abneigung gegen jegliche "Überspanntheit". Vielleicht war es diese Veranlagung, die ihn seinen Widerspruch formulieren ließ gegen alles, was Menschen aussortiert, ausgrenzt und sich selbst aufschwingt zum Herren über Leben und Tod statt Gott die Ehre zu geben.

Der Prophet Jesaja schreibt: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil“. (Jesaja 25,8-9) Das Kreuz im Licht von Ostern zu sehen, das bedeutet das ganze Leben mit Höhen und Tiefen anzuschauen. Auferstehung gibt dem ganzen Leben die Ehre – mit seinen Sonnenseiten, aber auch mit seiner Düsternis.

Christus, der Auferstandene, ist keine unversehrte Lichtgestalt – man kann ihm in die Wunden fassen. Sein Ostern beleuchtet jedes Leiden. Zugleich erscheint das Leben in neuem Licht. Unsere Lebenschance ist es, zu begreifen, dass wir wahrer Mensch sein dürfen, mit unseren Gaben zu lieben, zart und zärtlich zu sein, behutsam mit uns selbst und barmherzig mit anderen umzugehen – um in der Spur Jesu dem Leben die österliche Ehre zu geben. Christus ist auferstanden! Das ist die Nachricht des Tages, die ihren Neuigkeitswert nie verliert, gleich wie oft man sie zitiert. Keiner von uns weiß, wie lange die eigenen Durststrecken, die eigenen Passionszeiten dauern.

Jeder empfindet die Zeit unterschiedlich, in der er eine neue Entwicklung durchmacht, sich auf zusätzliches Lernen und Erfahren einlässt. In der er oder sie mit Phantasie dem Willen Gottes zu  gehorchen sucht. Ganz gleich, wie blass das eigene Gesicht, wie schwach Herz und Seele sein mögen  - Gott hilft vom Tod aus, er macht lebendig. Am Ende unserer Tage und jetzt schon, mitten im Leben. Es ist unsere Aufgabe, anderen von den Steinen auf unseren Wegen und Herzen zu erzählen - und von Gott und seinen Engeln, die Steine von Gräbern wälzen, mit denen man auch gegen Betonköpfe angehen kann.  Damit das Leben nicht erst nach dem Tod beginnt.

„Die Auferstehung ist längst schon vor dem Tod sichtbar, in dieser anderen Art zu leben“. Der Glaube an die Auferstehung, an das tägliche und ewige Leben, verharrt nicht bei sich selbst. An die Auferstehung zu glauben ist geistvolle Dynamik. Gott hat Lust an unserem Einsatz für jeden einzelnen Menschen. Der Glaube an einen solchen Gott überschreitet sich selbst in der Hoffnung darauf, dass allen Menschen auf je eigene Weise Seligkeit zuteil werden möge. Kinder sollen unangetastet unbeschwert Kinder sein dürfen; Menschen mit Behinderungen geschätzt, geliebt werden; alte Menschen ihr Leben auskosten, bis sie  zu ihrem Schöpfer heimkehren.

Nicht immer leicht zu glauben: Keiner von Jesu Gefährten war auf so etwas wie Auferstehung gefasst. Für sie kam Ostern nicht so selbstverständlich wie in unseren Kalendern. Für die ersten Zeugen war der lebendige Jesus unerwartete Überraschung, fast ein Schock. Es hat gedauert, bis sie begreifen konnten, was sie gesehen und gehört haben. Das ist ermutigend sein für die, die sich schwer tun mit der Auferstehung. Und die es noch nicht wagen, darauf zu hoffen. Es ist mühsamer Lernprozess darauf zu vertrauen, dass einer verlässlich da ist, und dennoch nicht einfach greifbar. Das Geheimnis der neuen Existenz Jesu lässt sich nicht auflösen.

Es ist nicht mit Händen zu greifen, nicht untersuchen und nachprüfen; so gerne das mancher versuchen würde. Er ist nicht der Lehrer und Prediger, der ins Leben zurückgekommen ist, um wie vorher mit seinen Freunden das Land zu durchwandern. Macht das was? Manchmal Ja. Dann, wenn man auch als Erwachsener wie ein Kind einen lieben Gott zum Anfassen bräuchte. Einen, der einen mit Wärme und Zärtlichkeit überschüttet, wie es Eltern tun, wenn man Glück hat, oder ein Mensch, der einen liebt. Was hat sich denn seit Ostern verändert? Es ist realistisch zu sagen, dass wir in einer ganz normalen Wirklichkeit leben. Aber der Funke ist in uns…

Wer in der Liebe lebt, muss mit allem rechnen – auch dem Negativen. Aber dieses Leben steht im Licht der Auferstehung, die sich täglich ereignet: Wenn sich jemand löst von Orten und Situationen, in denen er Altes zu Grabe getragen hat und den Blick mit neuer Zuversicht nach vorne wendet. Auferstehung ist, wenn jemand schwere Erfahrungen allmählich verarbeitet und in seine Lebensgeschichte einbaut; wenn ein Mensch gesund wird und Freude am Leben hat. „Der ist für mich gestorben“, sagt man, weil einen ein anderer enttäuscht hat. Aber tot geglaubte Beziehungen können neu zum Leben erweckt werden.

Wenn es uns gelingen würde, andere nicht einfach abzuschreiben, wäre öfter im Jahr Ostern. Tot darf in Gottes Namen wieder lebendig werden. Mitten im Leben sind wir eingefügt in eine geheimnisvolle Ordnung, stehen wir auf zur Auferstehung mitten am Tag. Wir sollen uns abwenden  vom Tod und von den Gräbern – hin zum Leben.  „Gut, dass es dich gibt – was wäre dieses Leben ohne dich“, dieser liebevolle Satz  ist ein Zitat. Ein Zitat Gottes, denn warum sonst hätte er uns unser Leben geschenkt – doch nur deswegen, weil es gut ist, wenn es uns, wenn es Dich und mich gibt. Liebe ist die Ursache unseres Daseins – nichts sonst. Inzwischen ist sie bekannt: Die Liebe Gottes zu den Menschen. Eine Liebe, die stärker ist als der Tod.